Mast und Schotbruch, aber lieber ohne mich

Mast und Schotbruch, wakr coaching

«Auf was freust du dich am meisten, wenn wir wieder an Land sind?» fragt mich Marion. «Dass wir an Land sind», antworte ich kurz. Wir sind eben im Hafen von Mindelo, Kapverden, angekommen. Eine Woche haben wir auf dem Segelschiff « Fleur de Passion » (www.omexpedition.ch) verbracht. Sind mit zehn uns anfangs fremden Menschen von Dakar in die Kapverden gesegelt und fasse ich die Ferien in wenigen Worten zusammen, lautet die Kurzfassung: Unter Erfahrung abbuchen.

Dass aus mir nie ein Seefahrer wird, wusste ich schon, bevor ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen hatte. Auch war mir klar, als ich die «Fleur de Passion» erstmals im Hafen von Dakar vor Anker liegen sah, dass ich meine Komfortzone für eine Woche verlassen werde. In den vielen Papieren, die Marion und ich vor Reisebeginn zu unterschreiben hatten, stand auch drin, dass an Bord ein striktes Alkoholverbot besteht. Das schien mir, als ich noch festen Boden unter den Füssen hatte, eine gewisse Herausforderung zu werden. Umsonst! Ich werde in den nächsten Tagen heftiger schwanken, als ich es je unter Alkoholeinfluss tat. Und dass ich einer Tasse Tee einem Glas Bier den Vorzug gäbe, hätte Marion vor ein paar Tagen noch für unmöglich gehalten. Ich übrigens auch.

Nein ehrlich, ich hätte mich ohrfeigen können, diesen Aktivferien zugestimmt zu haben, als morgens um 2.45 Uhr der Wecker ruft, um mir mitzuteilen, dass meine Schicht, welche bis 6 Uhr morgens dauern wird, in 15 Minuten losgeht. Kaum aufrecht, knallt es mich, mit einem Bein im Pyjama verfangen, an die Kojenwand. Hier drinnen kann ich wenigstens nicht umfallen, geht es mir durch den Kopf, viel zu eng ist die Koje. Ich zieh mir die Schwimmweste über. Ihr leicht säuerlicher Geruch soll mich wohl auf das vorbereiten, was folgen wird.  Achtung festhalten. Die über 2m hohen Wellen, durch die sich die «Passionsblume» pflügt, fordern ihr Tribut auf dem Segelschiff. Ich bin erleichtert, meinen Sitzplatz neben dem Steuerruder erreicht zu haben. Schliesse die Augen, in der Hoffnung, dass so die Übelkeit etwas nachlässt, und warte, bis ich vom Skipper aufgerufen werde, das Steuerruder zu übernehmen. «Hey, seht ihr das Leuchten draussen im Meer?» ruft Amelie während sie hinter dem Steuerruder steht. Und tatsächlich, ein seltsam rosa funkelndes Licht strahlt im Ozean. Mitten aus dem Nichts. Das Naturspektakel, hervorgerufen durch Plankton, wäre wohl ein Highlight unseres Segelturns, hinge ich nicht bereits, mein Schicksal verfluchend, über der Reling.  Habe ich dieses Naturspektakel nicht schon einmal gesehen?,  geht es mir durch den Kopf. Und schaue in Gedanken «Ozeane» 3D im IMax Filmtheater des Verkehrsmuseum Luzern. Eintritt Fr. 16.- Kino, Komfortsitz inbegriffen.  Nach der Frühschicht freue ich mich wie ein Überlebender, dass ich mich in die Koje zurückziehen kann. Liegend erdulde ich den Segelturn am besten. An Lesen ist nicht zu denken, zu gross wird die Übelkeit. Zum Glück habe ich mir die Netflix-Serie « House of Cards » auf mein I-Pad geladen. War ich schon einmal so dankbar, für kurze Zeit der Realität zu entfliehen? Ganze 6 Stunden dauert meine Flucht. Dann holt mich meine Küchenschicht abrupt zurück in die Gegenwart. «Nahrungszubereitung unter erschwerten Umständen», trifft meine Erfahrung ziemlich gut: Alles was nicht fixiert wird, findet sich am Boden wieder. Irgendwann gehen mir die Fluchworte beim Rüsten der Zwiebeln aus. Ich zähle die Stunden doch es sind noch Tage. Dank idealer Windverhältnisse, wie Skipper Pere nüchtern feststellt, treffen wir zwei Tage früher als geplant in Mindelo ein. Alles im Leben hat seinen Preis - mein Glaubenssatz hat auch auf hoher See Gültigkeit.

Mit Seglergruss «Mast und Schottbruch» glücklich aus Dakar

Waldemar Krupski 

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Wenn Tränen mehr als Worte sagen

Muslimischer Friedhof, Dakar

Muslimischer Friedhof, Dakar

Mittags sitzen sie oft so zusammen. Aber jetzt ist es nicht Mittag. Es ist morgens um 9 Uhr, als unser Hauspersonal im Garten die Köpfe zusammensteckt.  Heute wird auch nicht gelacht und gekichert, wie ich es sonst gerne und oft höre. Heute ist alles anders.

„Il est décédé“ sagt Tanor, Papa von Mohammed Waldemar zu mir. Er ist gestorben.

Ich kannte ihn nicht, den Verstorbene, der Sohn von unserem Gärtner Diaw. Doch nein, es ist mir nicht entgangen, dass es Diaw nicht gut ging, dass er in den vergangenen Wochen traurig und niedergeschlagen war. Obwohl er mir immer sagte: „Ça va, ça va un peu bien“. Es geht, es geht, es geht so. Als es gar nicht mehr ging, erzählt er mir, dass sein Sohn einen Tumor im Kopf hat. Ça c’est dur, ça c‘est très dur. Ja, das ist schrecklich.

Der Tumor wurde hier in Dakar in irgendeinem Spital entfernt. Das Leid wurde so für ein paar Wochen gelindert, es gab Hoffnung, wenn auch nur für kurze Zeit. Heute Morgen um 8 Uhr ist er im Spital gestorben. Um 14 Uhr sitze ich, zusammen mit unseren Hausangestellten, teils auf Plastikstühlen, teils am Boden, mit 40 vielleicht auch 50 Männern in einem Vorort von Dakar. Ein paar Meter neben uns sitzen halb so viele Frauen im Kreis. Im Zentrum die Mutter des Verstorbenen. Einen Steinwurf weiter weg steht eine Moschee. Ich beobachte etwas verunsichert das Geschehen. Niemand weint. Einige der Männer beten. Andere beschäftigen sich mit ihren Handys. Die Frauen unterhalten sich oder sitzen stumm im Kreis. Der Vater des Verstorbenen setzt sich neben mich. Er bedankt sich, dass ich zusammen mit den Angestellten gekommen bin. Er erzählt mir von seinem Sohn, dessen Name ich bis heute nicht kenne. Ich glaube, er hat ihn auch nie genannt. Für mich ist er sein Sohn. Ein talentierter Basketballspieler. Gross gewachsen. Ein ausgezeichneter Schüler. Sein Sohn, der Träume als Basketballspieler träumte. 17 Jahre jung.

Nach einer guten Stunde des Wartens und Beobachtens stehen wir Männer auf. Bewegen uns Richtung Moschee. Die Frauen verharren sitzend im Kreis. In der Moschee stellen wir uns in Reihen hintereinander. Vor uns liegt der Leichnam in ein Tuch gewickelt am Boden. Der Marabu spricht das Totengebet. Für den frommen Muslim stellt der Tod nicht nur das natürliche Ende, sondern auch den Höhepunkt des Lebens dar. Nach gefühlten 10 Minuten haben wir die Moschee bereits wieder verlassen. Monsieur Diaw bedankt sich noch einmal für mein Kommen, während ich betroffen über seine Schulter schaue und sehe, wie der Leichnam auf einen Pickup geladen wird. Vielleicht ist mein Gesichtsausdruck der Anlass, dass Diaw meine Hand nimmt, die Menge zur Seite bittet und mich zu seinem Sohn bringt.  Dieser Moment ist etwas zu viel für mich. Der Höhepunkt des Lebens sieht für mich anders aus und ich kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten, im Wissen, das Männertränen hier nicht angebracht sind.

Diaw schliesst mich mit kräftigem Schulterklopfen in seine Arme und weint mit mir.

Und für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, dass wir uns in nichts unterscheiden. Tränen sagen mehr als Worte.

Waldemar Krupski

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Mohammed Waldemar

Bienvenue Mohammed Waldemar! Geboren am 14. Oktober 2018. Du bist ein Sonntagskind. Ein Sonntagskind wie auch ich, geboren am Sonntag, 22. Juli 1964. Uns Sonntagskinder wird nachgesagt, dass wir vom Glück besonders begünstigt sind. Stimmt. Zumindest für mich!

Ich erinnere mich genau an die Autofahrt, als Tanor, Dein Papa, mir sagte: „Wenn es ein Bub wird, wird er Mohammed Waldemar heissen. Mohammed, nach unserem Propheten, und Waldemar, nach meinem Patron“. Und als er es sagte, lachte er, so wie er oft lacht – herzhaft, schalkhaft, auf Augenhöhe. Ich war berührt, etwas verlegen. Auch verunsichert, wie ich darauf reagieren soll. Aber gefreut, gefreut habe ich mich mehr, als ich es ihm zeigen konnte. Ich mag ihn, deinen Vater, dieses Schlitzohr. Von ihm wird erzählt, dass er sich vor Jahren als Chauffeur bei der Botschaft beworben hat. Obwohl er ausser der Hupe wenig im Auto richtig bedienen konnte.  

Er hat es trotzdem geschafft, einen begehrten Job bei der Botschaft zu ergattern. Wenn nicht als Fahrer, dann halt eben als Hauswart. Das ist vielleicht weniger gefährlich, aber nicht weniger überraschend. Denn nein, ein Handwerker war dein Papa auch nicht wirklich. War, weil er in den vergangenen 1 ½ Jahren, in welchen wir fast täglich miteinander kleinere Arbeiten verrichten, einiges dazu gelernt hat. Und ich auch. Nicht zwingend korrektes Französisch. Das habe ich erst in den letzten Monaten gelernt, dass nicht immer Französisch ist, was französisch tönt.

Weisst Du, Mohammed Waldemar, Marion, meine Frau, hat nicht unrecht, wenn sie sagt: „ Ja, ja der Tanor, dein Chouchou.“ Ja, ich mag es, wenn ich ihn im Garten singen höre. Ich mag es, wie er anpackt, mitdenkt und sich für keine Arbeit zu gut fühlt. Ich höre ihm gerne zu, wenn er mir erzählt, dass sein Vater vier Frauen und 32 Kinder hat. Und ich glaube, er hört mir zu, wenn ich ihm sage, dass kein Gott will, dass ein Mann 32 Kinder zeugt. Du, Mohammed Waldemar, hast zwei Schwestern und eine Halbschwester. Vor ca. einem Jahr hat dein Papa sich eine zweite Frau genommen. Er erklärte mir damals, dass seine erste Frau, deine Mutter, zu viel schwatzt „Elle parle toujours, toujours!“. Mein Einwand, dass doch zwei Frauen mindestens doppelt soviel schwatzen wie eine und sich das Problem damit nur verschärfe, kam bei ihm nicht an. „Non, non, non. Tu ne comprends pas, patron.“, schüttelte er den Kopf.

Nun bist du sein  erstgeborener Sohn. Sonntagskind und hast einen Toubab (ein Weisser) als „Götti.“  Kein schlechter Start.

Vielleicht macht das den Unterschied. Den Unterschied, dass du dereinst vielleicht eine Schule besuchen kannst. Eine Schule, wo du lesen und schreiben lernst. Wo du verstehst, wie unverantwortlich es ist, 32 Kinder auf die Welt zu stellen, für deren Weiterkommen Mann niemals sorgen kann. Um zu verstehen, dass Armut und Gleichstellung der Frauen einen direkten Zusammenhang haben. Und diese Hoffnung ist es, die mich losschickt, dich mit einem Geschenkkorb willkommen zu heissen und dich mit einem Auge zu begleiten. Und natürlich die Freude an der Ehre, dein Namensvater und Götti zu sein!

Bonne chance, Mohammed Waldemar!

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Wiä g’hats in Dakar

Wir alle kennen es: Wird man oft das Gleiche gefragt, wird man des Antwortens müde. Eine Floskel mit dem Ziel, sich kurz zu halten, kann vermeintlich helfen. Das tönt dann etwa so: « Hoi Waldemar, wiä g’hats in Dakar? Hend iär üch güat i gläbt»? «Dankä, äs ghat üs allnä guät. Dr Honeymoon isch over»! Fazit: Der zweite Satz taugt nichts, will ich mich kurz halten. Eigentlich logisch. Stattdessen löst er beim Gegenüber meist ein Nachfragen aus. Manchmal gelingt es mir, die Aussage mit ein paar wenigen Worten zu präzisieren. Oft aber bleibt ein unbefriedigendes Gefühl des nicht-verstanden-worden-seins zurück.

Hier ein Erklärungsversuch:

In den ersten Monaten war Dakar aufregend unbekannt. Unvorhersehbar, überraschend, farbenfroh. Mir ging es gut. Nicht einmal einsam fühlte ich mich, auch wenn ich mich kaum verständigen konnte. Wenn während der Regenzeit die Gipsdecke in unserem Haus herunterfiel, weil es ihr einfach zu nass wurde, nahm ich das ohne grossen Ärger zur Kenntnis. Das gleiche gilt für die undichten Fenster. Es erstaunte mich, wenn unsere Gouvernante, der ich blindlings vertraue, mir mit ernster Stimme zu erklären versuchte, dass ich den Tee vom Koch nicht trinken solle, weil er vergiftet sei. Getrunken habe ich ihn trotzdem. Und weder Bauchschmerzen noch Visionen bekommen. Als der «Hauswart» den Türgriff senkrecht statt waagrecht montierte, zeigte ich mich geduldig. Ich führte ihn durchs Haus und bat ihn, mir doch senkrecht montierte Türgriffe zu zeigen. «N’existe pas» sagt er nach einer Weile». «Oui, n‘existe pas» bestätigte ich ihm. Gemeinsam montieren wir den Türgriff wie es sich gehört. Er nahm es ungerührt zur Kenntnis.

Und heute? Heute, nach einem Jahr Dakar, bin ich in vielerlei Hinsicht etwas ernüchtert. Mir ist die Romantik vom Sprichwort «es braucht ein Dorf um ein Kind gross zu ziehen» abhanden gekommen. Heute sehe ich ein Dorf, wo sozialer Druck, Neid, Missgunst und Aberglauben einen nicht unwesentlichen Teil der Gemeinschaft bestimmen. Wer etwas erreicht, erweckt sofort Begehrlichkeiten. Die erweiterte Verwandtschaft erhebt rigide ihren Anspruch. Wer es verwehrt, alles zu teilen, riskiert verstossen zu werden. Nicht selten werden diejenigen, denen etwas gelingt, eines Pakts mit einer höheren Macht bezichtigt. Denn nur so ist sein Erfolg zu erklären. Eigenverantwortung und Fleiss werden so zu zwiespältigen Tugenden mit manchmal unabsehbaren Folgen.

Ein anderes Bild prägt meine Erinnerung an dieses einst idealisierte Dorfleben. Ich sehe Mädchen, fünf, sechs Jahre jung. Sie tragen Brennholz, sie tragen Wasser, sie tragen ihre noch kleineren Geschwistern bereits auf dem Rücken. Und ich sehe kleine Buben. Sie sitzen herum. Sie spielen Fussball. So wie es die grossen «Buben» ihnen vorleben. Und sie werden dereinst das Sagen haben. Die, die arbeiten und die Kinder gebären, werden «geachtet und respektiert» solange sie das tun, wofür sie aus Sicht der Buben geboren sind.

Ich merke, das Geschriebene greift zu kurz um «dr Hooneymoon isch over» zu erklären. Vielleicht sage ich besser; vor den langen Ferien war ich etwas ratlos und mir fehlte die Demut die Ratlosigkeit zu ertragen.

Nun, wieder zurück in Dakar höre ich oft: «Monsieur Waldemar, le vacances passé bien?» «Qui, es war eine sehr schöne Zeit zu Hause. Und es ist auch schön wieder hier zu sein!» Und schon ist es wieder da, dieses herzhafte lachen. Und ich stehe mitten drin in diesem farbenfrohen, chaotischen treiben, welches ich nie annährend verstehen werde…

Ich grüsse herzlich aus Dakar und freue mich auf das nächste mal, wenn es wieder heisst: «Und wiä ghats üch in Dakar»

Waldemar

Gestern lockte noch die Badi in Flüelen. Heute die Wellen am Strand von Dakar.

Da ist noch Luft nach oben …

„Das isch dr Hammer, geil, super Sach!“ Meine Frau Marion, Janina und Nikolai, wir alle sind begeistert vom neuen Angebot der Skiarena  Andermatt. Im Zufahrtstunnel zum Nätschen lächeln uns Bernhard Russi und Louis Van Gaal an: „Wir haben auch Eine“, werben sie. Sympathisch. Wir hätten auch gern Eine. Eine Gotthard Residence.

Wie hat sich Andermatt in den vergangenen Jahren gewandelt! Ich erinnere mich, als die Oberländer uns Unterländer das Gefühl vermittelten, sich bei ihnen bedanken zu müssen, dass wir auf dem Gemsstock skifahren dürfen. Oder als selbst weit angereiste Wintergäste abends wieder das Weite suchten, um am nächsten Tag die gleich lange Strecke wieder unter die Räder zu nehmen. Wir alle kamen alle Jahre wieder. Wegen dem Berg, selten, vielleicht auch nie, wegen der Gastfreundschaft in Andermatt. Damals gaben Kaserne und Festung genügend her. Diese dem Vaterland dienende Kundschaft war pflegeleicht und anspruchslos. Gäste brauchte Andermatt damals nicht. „Ich wischä ä schönä Tag“ sagt der Kabinenführer heute, während er die Türe der Gemsstockbahn öffnet. Und der Gast hat das Gefühl, er meint es genauso. Wer heute in Andermatt nicht verweilt ist selber schuld.  Schön, dass es dich gibt, Andermatt!  

Und trotz aller Begeisterung, es gibt Luft nach oben. Zum Glück atmen diese Luft nur die allerwenigsten Gäste ein. Marion musste sie leider einatmen. Es ist dumm gelaufen, Pech gehabt. Vielleicht war sie mit dem Testski etwas übermütig unterwegs. Der Ski bereitet ihr trotz schlechter Sicht viel Spass. „Er greift, er ist schnell und dreht schon fast alleine“, resümiert sie noch vor der letzten Talabfahrt. Der Sturz kommt aus dem Nichts. Ich ahne nichts Gutes, als Marion ohne sichtbare Regung den Hang hinunter rutscht und bin schon erleichtert als sie mein Zuruf „ghat’s?“ erwidert mit „Nein“! Bei ihr angekommen, sehe ich ihr schmerzverzerrtes Gesicht. Marion klagt über sehr starke Schmerzen in der Schulter. Der linke Arm ist regungslos.  Die sichtbaren Prellungen und der blutende Kopf spürt sie offensichtlich nicht. Ein hilfsbereiter einheimischer Skifahrer hat die Nummer vom Pistendienst gespeichert. Schnell ist der Patrouilleur zur Stelle. Ruhig und sehr kompetent wird die Situation analysiert. Wegen dichtem Nebel ist eine Bergung mit dem Helikopter unmöglich. Noch bevor Marion auf den Schlitten kommt, wird ein Krankenwagen angefordert.  „Das kann dauern, der Krankenwagen muss von Altdorf kommen,“ sagt der Patrouilleur entschuldigend. „Das Militärspital wurde aufgehoben, der Krankenwagen des Gesundheitszentrum Andermatt ist nicht verfügbar und einen Arzt auf Abruf für Skiunfälle gibt es so nicht.“ Will heissen, auch wenn Marion um ein Schmerzmittel fleht, sie muss warten bis die Ambulanz von Altdorf in Andermatt eintrifft.  Jetzt fühlen sich Minuten an wie eine Ewigkeit. An einen Transport mit dem eigenen Auto ist nicht zu denken, der Arm steht ab. Marion zittert am ganzen Körper. Bei der kleinsten Berührung von ihrem Arm schreit sie vor Schmerz.  Die Situation ist für alle schwierig auszuhalten. Und für meine Frau über eine viel zu lange Zeit eine schmerzhaft Zumutung. Nicht nur gefühlt, auch in Wirklichkeit dauert es eine Ewigkeit bis der Krankenwagen endlich eingetroffen ist.

Der Unfall ereignete sich ca. um 15.00 Uhr. Ca. um 18.30 Uhr wurde im Kantonsspital Uri die Schulter wieder eingerenkt. Dazwischen liegen 210 schmerzhafte Minuten. Das ist viel zu lange! Ich bin mir bewusst, es ist ein hoher Anspruch den ich hier geltend mache. Auch verfüge ich über keine Detailkenntnisse, warum es so ist, wie es ist. Trotzdem denke ich: Wenn Andermatt das St. Moritz von morgen sein will, sehe ich hier Handlungsbedarf.

Übrigens: Zwei Tage später zeigt das MRI, das die Schulter nicht nur ausgerenkt war, sondern auch gebrochen ist. An eine Rückkehr nach Dakar ist vorläufig nicht zu denken.  

Mit Gruss aus Dakar – Andermatt, wir kommen wieder.

Heute arbeite ich im grössten Jugendheim der Welt!

Das sagt Kurt Koch, 60 jährig, geboren und aufgewachsen in Zürich, Schreinermeister - weil der Vater erwartete, dass er dereinst den Familienbetrieb übernehmen wird. „Schauspieler, Zirkusartist oder Matrose wäre ich gerne geworden,“ erzählt er mir. Wunschgemäss wurde aus ihm ein Schreinermeister, wenn auch nicht einer aus Vaters Holz. Ein Rebell, ein Unbeugsamer, ein Verrückter, ja ein Spinner, wie er sich selber bezeichnet. Statt des Familienbetriebs übernahm er die Leitung der Schreinerwerkstatt in einem Zürcher Jugendheim. 12 Jahre lang hat Koch junge Männer dabei unterstützt, ihre schlechte Ausgangslage zu verbessern, ihnen eine Zukunftsperspektive zu geben.

Das tut Kurt Koch auch heute noch. In der Casamance, im Süden vom Senegal. Seit 2008 leitet er hier das Projekt Formation „KAYADj“ (das Holz). Auch hier bildet er junge Männer zu Schreinern aus. Auch hier haben junge Männer eine schlechte Ausgangslage. Und damit hat es sich bereits mit den Gemeinsamkeiten! Hier in Albadar legen sich die Jungs für eine Lehrstelle ins Zeug. Sie kommen freiwillig. Für wenig Glückliche gibt es einen Ausbildungsplatz. „Nullbock-Stimmung“ der Lernenden erlebt Lehrmeister Koch hier nicht. „Ich halte die Chance meines Lebens in meinen Händen“ sagt Ousmane. Er revanchiert sich, indem er mit dem grössten persönlichen Einsatz lernt, was der Lehrmeister ihm beibringt.

Einen Lohnausweis wie früher erhält Kurt Koch in Afrika nicht. Lehrmeister Koch ist sein eigener Arbeitgeber. Er finanziert sich über ein paar Gönner in der Schweiz und seine Pensionskasse, die er sich vor seiner Übersiedlung nach Senegal auszahlen liess. Ein Spinner eben! Und auch wenn der Präsident von Senegal, Macky Sall, das duale Bildungssystem der Schweiz in seinem Land einführen will, kann Formation „KAYADj“ doch nicht mit finanzieller Unterstützung rechnen. Zu verwoben, zu verstrickt, zu undurchsichtig und von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt sind die staatlichen Abläufe. Einiges ist versprochen worden. Ausser geweckten Begierden staatlicher Angestellter ist nichts eingetroffen.

„Heute arbeite ich im grössten Jugendheim der Welt.“ Mit diesem Satz hast du mir in mancher Nacht das Einschlafen erschwert lieber Kurt. Hast mich unwissentlich angetrieben, ruhelos gemacht. Heute kann ich wieder besser einschlafen. Weil ich inzwischen meine verstanden zu haben, was du mir in deiner Werkstatt sagen wolltest: 17 Millionen Menschen zählt heute die Bevölkerung im Senegal. 50% der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. 19 Jahre beträgt das Durchschnittsalter. 5 Kinder hat jede Frau laut Statistik. Keine Mauer, keine sinkenden Boote, kein Stacheldraht wird sie abhalten sich eine bessere Zukunft anderswo zu suchen. Deinen Lernenden schenkst du eine Wahl, Kurt Koch.  Du schenkst Ihnen eine Zukunftsperspektive, verbesserst ihre schlechte Ausgangslage. Wie damals im Zürcher Jugendheim. Nein, du bist kein Spinner. Du bist ein Pionier.

Mehr Informationen zum Schreineratelier gibt es unter dem folgenden Link:  http://www.afrique-lien.org/

Wenn sie ganz genau schauen, finden sie auch ein Unterstützungskonto.

Ich grüsse Sie herzlich aus dem zur Zeit 21° kühlen, windigen Dakar 

Kein Heimweh?

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Wie nur ist es möglich, dass der da zwei freie Sitze neben sich hat, während wir Schulter an Schulter zusammengepfercht sind? Ich kann die fragenden, ratlosen, vielleicht auch etwas neidischen Blicke meiner Mitpassagiere im fast vollbesetzten Flug IG 0880  von Dakar nach Milano verstehen. Das Leben ist nicht gerecht. Das weiss ich nicht erst, seit ich in Dakar lebe.

Während ich schreibe, sitze ich im Flieger “nach Hause”. Ich freue mich auf meine Schwester, auf meinen Bruder, auf Freunde und Bekannte im Dorf. Ich freue mich auf ein “Hoi, wiä ghats?” Ich freue mich auf die Adventsbeleuchtung. Auf die „Schlurgäbar“. Und trotz all dem vielen Freuen, könnte ich eben so gut in Dakar bleiben. Es zieht mich nicht so stark wie früher „nach Hause“.

Ich frage mich oft, was es denn ausmacht, dass ich hier von Anfang an so gerne lebe. Hier, wo ich auch nach vier Monaten keine Bankkarte besitze? Und wo ich, mangels dieser Bankkarte, einen halben Tag  Zeit einplane, um Bargeld zu besorgen? Wo ich drei Monate kein Brot backen kann, weil der Backofen nie, wie hoch und heilig versprochen, am nächsten Tag geliefert wird.

Hier, wo in der Regenzeit die Gipsdecke in der Küche herunterfiel, weil sie der Feuchtigkeit nicht mehr standhielt. Wo fast jedes Fenster undicht ist und jetzt in der Trockenzeit anstelle des Regenwassers der Sand seinen Weg in Wohn- und Schlafzimmer findet. Wo an jeder zweiten Strassenecke der Gestank von Verwesung in der Luft liegt. Wo überall Müll herumliegt und  je nach Wohnquartier das Gefühl aufkommt, auf einem einzigen grossen Abfallberg zu stehen. Ja, es fällt mir leicht genügend Gründe zu finden, warum ich allen abraten kann, um Gotteswillen nur ja nicht nach Dakar zu kommen. Alles hier ist Inschahlla, wenn Gott so will. Alles hier ist scheinbar ausserhalb der Macht des Individuums.  Und trotzdem lebe ich hier verdammt gerne, im Senegal, in Dakar.

Was macht es aus, dass mir hier so wohl ist? Dass ich mich hier so wach fühle? Vielleicht ist es das unverwechselbar Schlurfen unserer Gouvernante Constance. Gemächlich, immer im gleichen Rhythmus, monoton. Schlurf, schlurf. Fast alle Frauen schlurfen hier… Vielleicht ist es die krachende Musik aus den schlechten Lautsprechern, die man überall hört und die trotz des Schepperns alle Füdlis in Bewegung setzt. Vielleicht sind es die Kühe, die auf der Verkehrsinsel mitten im Chaos der Autos, Eselwagens und Lieferwagen das letzte Gras fressen. Sie stören niemanden und werden von niemandem gestört.

Ich lerne hier ständig etwas Neues. Ich freue mich, wenn unsere Kinder sagen, „Wir brauchen keinen Fernseher, das Kino findet hier auf der Strasse statt.“ Auch wenn sie fünf Minuten später bereits wieder mit den Handys in die digitale Welt abtauchen. Das ist kein Gegensatz mehr. Ich fürchte auch nicht mehr das Schlimmste, wenn der Gärtner mich ruft und sagt „Wir haben ein Problem”. Meist ist es mit dem passenden Werkzeug und einem Handgriff schnell gelöst. Gelacht wird viel. Geflucht wird nie. Das gehört sich nicht!

Ganz sicher hat die Geschichte über die zwei freien Sitzplätze neben mir im Flugzeug etwas damit zu tun, warum mir das Leben in Dakar so gut passt. Das Leben, in dem so vieles unvorhersehbar erscheint. Alltagsgesetze und Regeln, die für uns „Toubabs“ (Weisse) nicht durchschau- und erklärbar sind, bestimmen jeden Tag. Die Geschichte zu meinen Sitzplatz: Beim Einchecken frage ich, ob ich einen Sitz beim Notausgang haben könne. “Ja, kein Problem“, sagt die Dame, „kostet hundert Euro extra.“ „Hundert Euro extra? C’est très cher!“. Während ich meine Überraschung mit einem vorgetäuschten  Ohnmachtsanfall zu untermauern versuche, wird meine Bordkarte bereits ausgedruckt. „Sitze ich beim Notausgang?“, frage ich nach. Nein, kommt die Antwort. Aber ich habe doch noch extra… Die Dame lässt mich nicht ausreden. „Donnez-moi votre billet!“, sagt sie bestimmt. Nimmt es und zerreisst es. Ok, und was jetzt?, denke ich. Will sie jetzt, dass ich hundert Euro bezahle? Es folgt ein Blick von ihr auf den Bildschirm, ein kurzes Gespräch mit der Dame am Schalter nebenan. Sie habe einen trockenen Hals, meint sie. Ob ich nicht so nett sei und ihr einen Jus d’Orange von der Bar gegenüber hole? Ich erfülle ihr den Wunsch. Und kaufe ihr noch ein Stück Kuchen dazu. Als ich zurückkomme und ihr den Jus und Kuchen überreiche, hält sie mein neues Ticket in der Hand. Sie lacht und  freut sich sehr. Ich mich auch - über die Sitzreihe 30 D/E/F. 

Fröhliche Weihnachten und ein gesundes neues Jahr!

Waldemar Krupski